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Was bleibt nach einem Terroranschlag?

Zunächst wird ausführlich in den Medien über Motive und Herkunft der Täter berichtet.

Es folgen Verurteilungen der Politiker und Forderungen nach mehr Sicherheit, es gibt zuhauf Kommentare in diversen Feuilletons und Schuldzuweisungen in alle möglichen Richtungen. Dann gibt es noch eine minimale Diskursverschiebung der Gesellschaft: nach links/rechts und schon ist der Anschlag auch schon wieder vergessen.

Der baskische Schriftsteller Fernando Aramburu gibt in seinem preisgekrönten Roman „Patria“ denen eine Stimme, deren Leben bleibend durch Terrororganisation ETA zerstört wurde, den Angehörigen der Opfer. Und die gibt es reichlich.

Als im Jahr 2011 die ETA den Kampf für ein unabhängiges, politisch souveränes Baskenland einstellte, war die Bilanz blutig. Innerhalb von fünfzig Jahren gab es circa 4000 Terroranschläge und 864 Todesopfer.

In Aramburus Roman (der schwerlich bündig zusammenzufassen ist) stehen sich zwei Familien in einem baskischen Dorf gegenüber, die ehemals enge Freunde waren. Die Hausfrauen Bitari und Miren erzählen sich bei Kaffee und Kuchen regelmäßig den neuesten Dorfklatsch, die Männer Tchato und Joxian treffen sich sonntäglich zum Radrennen und die Kinder spielen miteinander. Generell ist man wohl mit allem irgendwie zufrieden. Bis langsam ein die Gemeinschaft zerfressender Nationalismus heranreift. Über Jahre hinweg radikalisiert sich im idyllischen Dorf die Jugend. Tchato als gut situierter Inhaber einer Fabrik außerhalb des Dorfes wird schnell zur Zielscheibe und nach etlichen Angriffen ermordet. Die beiden ehemals befreundeten Familien werden zu Widersachern, weil der Mord von Joxe Marie – der Sohn von Miren und Joxian – entweder verübt oder mitorganisiert war. Bittori, die Ehefrau von Tchato, wie auch ihre beiden erwachsenen Kinder können den Tod nicht verarbeiteten. Als Opfer und Ausgestoßene des Dorfes ziehen sie fort. Bittori kehrt nach nunmehr 20 Jahren in ihr Dorf zurück, gezeichnet von einer tödlich verlaufenden Krebserkrankung. Sie möchte vergeben und eine Entschuldigung von Joxe Marie.

„Wenn ihr den Grabstein über uns deckt und ich mit dem Txato allein bin, will ich zum ihm sagen können: Der Idiot hat sich entschuldigt, jetzt können wir in Frieden ruhen.“ Joxe Marie ist selbst nach seiner langen Haft von der Legitimität seines Tuns überzeugt. Es wäre auch ein gewaltiger Schritt nach vorn, wenn er einsähe, dass er sein Leben selbst verpfuscht hat und nicht der Staat und/oder die Gesellschaft.

Nur langsam und nur durch die Vermittlung Mirens Tochter brechen die verhärteten Fronten auf. Miren torpediert allerdings diese Annäherung immer wieder als nationalistisch denkende und verhärmte Frau, die ihren Sohn in der Opferrolle sieht.

Aramburu erzählt aus verschiedenen Perspektiven, wechselt oft die Zeitebene und erzeugt damit eine emotionale Vielschichtigkeit, wobei Trauer und Schmerz  der Hinterbliebenen nachvollziehbar und plausibel sind. Sehr lesenswert!

Fernando Aramburu: Patria, Rowohlt 2018, 768 S., 25,00€.